Hartmut Koschyk war Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten von 2014 bis 2017. Vertriebene, Aussiedler und Minderheiten waren die Schwerpunkte seiner politischen Arbeit. Anfang des Jahres hat er zu dieser Thematik ein Buch herausgebracht. Am zweiten Oktober hat er es in Oppeln vorgestellt und dabei viele persönliche Einblicke gegeben.

 

 

Fotos: Marie Baumgarten

 

 

 

 

Auf Einladung des Dachverbandes der Deutschen Minderheit in Polen ist Hartmut Koschyk nach Oppeln gekommen, um sein Buch vorzustellen. „Heimat, Identität, Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, so der umfassende Titel des Buches. Für Hartmut Koschyk eine Bilanz seiner politischen Arbeit, die er 2017 niedergelegt hat. „Es gibt in Deutschland ein Sprichwort: Wer schreibt, der bleibt. Diesem Sprichwort folgend, wollte ich Gedanken, die mich seit frühester Jugendzeit bewegt und die mich mein ganzes fast 30-jähriges politisches Leben begleitet haben, niederschreiben“, sagt Hartmut Koschyk bei der Lesung im Museum des Oppelner Schlesiens am zweiten Oktober.

 

„Ich möchte mit meinem Buch auch denjenigen ein schriftliches Denkmal setzen, die das Trauma von Flucht und Vertreibung und von Aussiedlung erlebt haben oder die als eine Minderheit für ihre Identität kämpfen und leiden mussten“, schiebt Hartmut Koschyk nach und meint damit auch viele der Gäste, die an diesem Abend in den Zuschauerreihen sitzen wie beispielsweise Heinrich Kroll und Joachim Niemann, die Hartmut Koschyk noch aus den Gründungsjahren der deutschen Minderheit kennt.

 

 

Eine Bilanz der politischen Arbeit

Während seiner politischen Laufbahn hat Hartmut Koshyk viele deutsche Minderheit in vielen Teilen der Welt kennengelernt. Und obwohl sein Buch ein wissenschaftliches ist, so sind es doch die persönlichen Erfahrungen, die ihn zum Schreiben inspiriert haben. So wie ein Besuch in den 1990er Jahren in er zerfallenen Sowjetunion.

 

„Ich war mit dem legendären Horst Waffenschmidt damals in Moskau auf einem großen Kongress und wollte unbedingt Bischof Werth kennenlernen – damals einer der jüngsten Bischöfe weltweit. Mir sagte jemand, ich würde ihn dort finden, wo die längsten Schlangen sind. Er hat nämlich bei diesem Kongress den russlanddeutschen Menschen die Beichte abgenommen“, erinnert sich Hartmut Koschyk, und hält kurz inne. Dann berichtet er weiter und seine Stimme zittert: „Da waren Leute, die haben 20 Jahre lang nicht mehr gebeichtet. Sie haben sich bei diesem Kongress stundenlang angestellt, um von diesem jungen Bischof die Beichte abgenommen zu bekommen.“

 

 

Die schlesischen Wurzeln

Persönlich verbunden ist der ehemalige Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten auch mit der Stadt Oppeln, der Geburtsstadt der Mutter. „Ich habe das Buch meinen Eltern und meinen Schwiegereltern gewidmet“, sagt Hartmut Koschyk, und wenn er über die Familie spricht, merkt man ihm an, dass die Themen Flucht, Vertreibung und Aussiedlung ihm nicht nur als Politiker, sondern vor allem als Mensch nahe gehen. Der Klos, der ihm im Hals sitzt, als er weiterspricht, ist nicht zu überhören: „Oppeln hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, weil meine Mutter am 25. Mai 1922 im damaligen Barbaraweg geboren wurde.“

 

Die schlesischen Wurzeln, so sagt Hartmut Koschyk, prägten seine Identität. „Besuche in der Heimat meiner Eltern und die Religiösität dieses Landstriches berühren mich immer wieder aufs Neue emotional.“ Lebendige Glaubensüberzeugungen, da ist er sich sicher, helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern. Und sie gehen Hand in Hand mit einem Heimatgefühl und einer Identität.

 

„Ich glaube, dass nur der Mensch, der in einem Heimatgefühl, in einer festen Identität und in Glaubens- und Wertüberzeugungen verankert ist, nicht Gefahr läuft, an den Herausforderungen der Globalisierung irre zu werden. Und für mich ist die Geborgenheit in Heimat, Identität und Glaube auch der beste Abwehrmechanismus gegen Populismus und Nationalismus.“

 

Das Buch von Hartmut Koschyk ist in deutscher Sprache erhältlich. Es ist im EOS-Verlag erschienen und hat 464 Seiten.

 

Marie Baumgarten