Kuratorin Paulina Olszewska vor der Arbeit „Zwycięstwo to stworzenie lepszej rzeczywistości politycznej”. Foto: Marie Baumgarten

Raus aus den sterilen Galerien, rein ins heimische Wohnzimmer. Nachwuchskünstler aus Polen und Deutschland erobern neue Ausstellungsräume. Besucher müssen sich aber beeilen, denn die gemeinsame Ausstellung dauert nur 24 Stunden.

 

Ein Hinterhof in der Breslauer Altstadt. Das polnische Fernsehen ist schon da. Hier muss es sein. Doch wo klingeln? Nirgends ein Hinweis auf das hippe Kunstprojekt, das vor allem von der Mundpropaganda hipper Menschen lebt. Polnische und deutsche Künstler entdecken zur Zeit Privatwohnungen als gemeinsamen Ausstellungsraum für ihre Arbeiten.

 

 

Gerade taucht ein junger Mann auf, der auch zur Ausstellung will und Bescheid weiß. Das trifft sich gut. Ich hefte mich an seine Fersen. Im zweiten Stock des alten Bürgerhauses öffnet er die Tür zur Wohnung. Im Gedränge ist er dann plötzlich verschwunden.

 

 

Ich schiebe mich durch die Menschen bis zum Ende des kleinen Flures, an den sich der erste Raum anschließt – das Wohnzimmer. In der Mitte des Raumes lässt sich das erste Objekt erahnen. In Form und Größe einem Billardtisch gleich. Die Ummantelung – durchsichtig, aus Glas oder Plastik – spiegelt die Lichter in den Farben des Regensbogens. Kleine Behältnisse reihen sich darin aneinander. Hummus. Erdnussbutter. Marmeldade. Ich stutze. Ist das die Kunst? Als ich zur rechten Seite den Tisch mit dem Brot und den Tellern erblicke, muss ich schmunzeln. Brunch!

 

Oder vielleicht trotzdem Kunst – ein bisschen?

 

 

Plötzlich ganz normal

Und was ist in der Ecke mit der antiquierten Couch von anno Knips? Und nebenan in der Küche – der alte Gasherd ist museumsreif. An allen Wänden hängen gerahmte Bilder, die mein Blick nur flüchtig streift. Die Grenzen zwischen Kunstwerken und Alltagsgegenständen verwischen. Und genau das ist die Idee von Kuratorin Paulina Olszewska, die sich mit dem Schritt in die Privatwohnung von den sterilen weißen Wänden der Galerien verabschieden will:

 

„Kunst muss nicht immer super exklusiv sein. Sie funktioniert auch in gewöhnlichen Umgebungen. Dann ist der Kontakt zu ihr viel direkter, die Distanz nicht so groß und wir können plötzlich ganz normal mit ihr umgehen.“

 

Die junge Kuratorin führt mich ins Schlafzimmer mit der unmodernen Schrankwand. Auf dem Bügel ein hautfarbener Badeanzug und die passenden Leggins bedruckt mit den fülligen Lippen von Künstlerin Vanessa von Heydebreck. „Dress me with your lips“ nennt die Deutsch-Kanadierin, die an der Berliner Kunsthochschule studierte, ihre Arbeit über die Weiblichkeit. Daneben die Doktorarbeit der Breslauer Künstlerin Karina Marusińska. Eine Keramik-Installation, die an einen Darm erinnert. „Abfälle. Etwas, das übrig geblieben ist. Reste“, erklärt Paulina Olszewska die Symbolik der Arbeit „Część zamiast całości” („Ein Teil statt des Ganzen”).

 

 

Austausch in der Kunst

Olszewskas Anliegen ist es, deutsche und polnische Künstler in einer gemeinsamen Austellung zusammenzubringen, um den nachbarschaftlichen Austausch in der Kunst zu fördern – für sie, die selbst aus Breslau stammt und in Berlin lebt, längst überfällig.

 

 

Man sieht den Kunstwerken nicht an, ob sie aus Polen oder aus Deustchland kommen. Die Kunst in einer globalen Welt sei international, sagt Olszewska „Man beschäftigt sich mit universalen Themen.“ Die Arbeit „Zwycięstwo to stworzenie lepszej rzeczywistości politycznej” (Der Sieg erschafft eine bessere politische Wirklichkeit”), eine Schaufensterpuppe in Stahl-Lackierung, setzt sich mit Krieg und Frieden sowie den modernen Medien auseinander.

 

 

Die Wohnung in der Breslauer Altstadt wird gerade nicht bewohnt und bietet somit genügend Raum, die Ausstellung nach der Idee von Paulina Olszewska 24 Stunden lang zu beherbergen. „Wir haben eine 24-Stunden-Grenze gesetzt, um die Hausruhe und die Nachbarn nicht zu stören“, erklärt Olszewska und fügt hinzu, dass nachts die Ausstellung für Besucher nicht zugänglich sei.

 

 

Pläne

Fortsetzungen plant Olszewska demnächst in Posen sowie in kleineren polnischen Städten wie Lublin und Kielce. In Warschau hat sie eine Wochenend-Ausstellung bereits erfolgreich eröffnet. In Deutschland sollen Nürnberg und Berlin folgen. Infos gibt es auf Facebook unter dem Stichwort 24 Stunden.

 

Marie Baumgarten