Die Preisträgerinnen des VdG-Wettbewerbs: Paula Sauer (links) und Agnieszka Szygendowska (rechts)

Die Preisträgerinnen des VdG-Wettbewerbs: Paula Sauer (links) und Agnieszka Szygendowska (rechts)

Insgesamt 22 Arbeiten hat der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) im Rahmen seines Wettbewerbs „Schicksal der Deutschen in Polen nach 1945” erhalten. Außer einem besonders hohen literarischen Niveau ist vor allem eines auffallend: Wie Jurymitglied Antoni Niemczura sagte, „findet sich in den Erzählungen nicht nur das Schlesische, sondern auch das Masurische oder Pommersche wieder“.

 

Keine einfache Wahl

 

Verblüffung, aber auch Freude soll am Telefon zu hören gewesen sein, als Paula Sauer und Agnieszka Szygendowska erfahren haben, dass die Jury sie zu den Preisträgerinnen des VdG-Wettbewerbs gewählt hat. Sie wussten wohl, dass die Konkurrenz groß war. „Mindestens die Hälfte aller Arbeiten ist auf hohem oder sogar sehr hohem Niveau“, sagte Antoni Niemczura, nachdem er alle Texte gelesen hatte. „Ich muss ehrlich zugeben, dass es Momente gab, wo ich mir Gedanken gemacht habe, wie viele Arbeiten letztendlich kommen. Dass wir jetzt so viele haben, zeigt, dass man an dem Thema wirklich interessiert ist“, sagte VdG-Chef Bernard Gaida. Einfach war die Entscheidung nicht. Fünf Texte waren auf einem ähnlich hohen Niveau, aber Geldpreise duften nach den Regeln lediglich die ersten drei Autoren bekommen.

 

Nicht nur Schlesien war ein Thema

 

Auch das breite Themenspektrum trug dazu bei, dass die Wahl nicht leicht war. Ziel des Wettbewerbs war es, eine Erzählung oder einen Essay zum Titelthema zu verfassen. Der VdG gab dabei fast keinerlei Einschränkungen, teilnehmen konnte jeder unabhängig von Alter oder der Herkunft, erwünscht war es sogar, dass Arbeiten nicht nur aus Schlesien kommen. Diesem Ruf sind die Teilnehmer gefolgt. Mit Autoren aus Deutschland, Ermland und Masuren, Danzig oder sogar Warschau, kam mindestens die Hälfte der Texte aus Regionen außerhalb Schlesiens. So auch die Erzählung von Agnieszka Szygendowska aus Lodsch, für die die Jury den dritten Platz vergab.

 

Fremde und eigene Inspiration

 

„Es ist die Geschichte meiner Stadt. Ich komme aus Lodsch und arbeite im Museum der Textilindustrie, da hört man oft Geschichten, auch die der ehemaligen deutschen Bewohner der Stadt“, sagte Szygendowska nach der Preisverleihung beim 5. Kulturfestival der deutschen Minderheit in Breslau. Minderheitenbezug hat Szygendowska nicht und doch zeigte sie in ihrer Erzählung „Blacha“ (Das Blechstück) eine große Sensibilität gegenüber den Geschichten der Besucher ihres Museums, die sie inspiriert haben. „Blacha“ greift die Deportationen der Deutschen aus Lodsch in die UdSSR nach 1945 auf, zeigt aber auch das, was vor 1945 war – das Zusammenleben von Polen und Deutschen in Lodsch während des Krieges, das so manche deutsch-polnische Ressentiments auf den Kopf stellt.

 

Anders als Szygendowskas Text wurde der von Paula Sauer von persönlichen Geschichten inspiriert: „Meine Erzählung ist eigentlich die Geschichte meiner Oma Hedwig und meines Opas Franz. Beide sind deutsch, beide sind nach dem Krieg im neugegründeten Polen geblieben. Sie wurden Zeugen von schrecklichen Ereignissen, die sowohl die Rote Armee als auch die Polen den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg angetan haben und deswegen habe ich mir gedacht, dass diese Geschichte nicht verloren gehen soll, deswegen habe ich teilgenommen“, so Paula Sauer. Mit ihrer Erzählung „Vertreibung“ verfehlte Sauer nur knapp den ersten Platz. Das Preisgeld (1.500 Złoty) kann die junge Frau gut für ihre Reisen gebrauchen, denn trotz der Tatsache, dass sie gebürtige Schlesiern ist, wohnt auch sie nicht in Südpolen, sondern versucht ihr Glück in anderen Regionen. Dass man sich gerade außerhalb Schlesiens von dem Schicksal der Deutschen nach 1945 inspirieren lässt, erklärt Sauer so: „Ich zum Beispiel kann nur sehr wenig deutsch, aber genau diese Schwäche will ich überwinden und will nach meinen deutschen Wurzeln suchen.“

 

Gewinner bleibt anonym

 

Die siegreiche Erzählung kommt trotz vieler nicht-schlesischer Akzente nun aber doch aus Schlesien. „Salomon“ vom Autor, der das Pseudonym Marcin Wilczur nutzt, erzählt die wahre Geschichte des Nachkriegslagers für Deutsche „Zgoda“ in Schwientochlowitz (Kattowitzer Stadtteil). Offenbaren will sich der bescheidene Sieger nicht, mehr noch: Den ganzen Preis (3.000 Zloty) spendete er für die Sammelaktion des VdG beim V. Kulturfestival und half damit zwei behinderten Kindern. Obwohl seine Geschichte in Schlesien spielt, zeigt sich, dass man auch in anderen Teilen Polens sehr an dem Thema interessiert ist. Wie man in der Erzählung lesen kann „gab es nach dem Krieg viele Zgodas, in vielen Regionen, nicht nur in Schlesien haben Deutsche gelitten“. Die Erzählung „Salomon“ soll schon bald vom VdG veröffentlicht werden.

 

Łukasz Biły