Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, December 1, 2022

Erinnern als herausfordernde Kunst 



Die deutsch-polnische Stiftung OP ENHEIM mit Sitz im wunderschön restaurierten Oppenheim-Haus am Breslauer Salzmarkt ist seit 5 Jahren ein Hotspot für Kunst und Kultur. Auch diesen Sommer gibt es eine moderne Kunstausstellung: Noch bis Oktober können Installationen mit dem klangvollen Namen „Die Vergangenheit vergeht nicht, denn sie wird ewig neu geschaffen“ der Künstlerin Justyna Adamczyk besucht werden. 



Es ist ein cleveres Wortspiel, dass die Initiatoren für die Stiftung und ihren Sitz gewählt haben. „OP ENHEIM“ erinnert einerseits an den Namen der angesehenen jüdischen Bankiersfamilie Oppenheim, die das Gebäude 1806 errichtete. Gleichzeitig nimmt es mit der Kombination aus dem englischen Wort „open“ und „Heim“ Bezug auf den offenen Charakter des Gebäudes in Vergangenheit und Gegenwart. Während hier ein Konzertraum, Gastronomie und Ausstellungsräume für moderne Kunst beherbergt sind, war das Gebäude bis zu seiner Konfiszierung durch die NS-Behörden im Jahr 1940 Sitz der Stiftung für Arme und Bedürftige der jüdischen Gemeinde in Breslau.

In Justyna Adamczyks Kunst steht menschliche Erfahrung im Fokus.
Foto: Privat

Geist der Geschichte im Haus 

Bei der Restaurierung im Jahr 2013 hat man sich Mühe gegeben, den Geist der Geschichte im Haus zu bewahren. Die im zweiten Stock des Gebäudes stattfindenden modernen Kunstausstellungen haben ebenfalls den Anspruch, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Sie thematisieren alle möglichen Aspekte der deutsch-polnischen Beziehungen in Geschichte und Gegenwart. Das ist auf den ersten Blick nicht immer offensichtlich, schließlich bleibt moderne Kunst meist abstrakt – und doch spannend. Wer die aktuelle Ausstellung besucht, findet einen mysteriösen Raum: Tiefrotes Licht umhüllt den Besucher. Teppiche und Vorhänge dämpfen jeden Ton. In der Mitte des Raumes scheint eine Scheibe wie ein UFO zu schweben, aus dem dünne, knorrige Äste in die Höhe sprießen. Sie bilden einen undurchdringlichen, blattlosen Urwald, in dessen Geäst sich der Blick des Betrachters nur verirren kann. Das Kunstwerk wirkt beklemmend und faszinierend zugleich.


Darstellung von Wunden und Heilung

Die Mischung aus Abschreckung und Faszination ist Absicht. Justyna Adamczyks Kunst möchte nicht einfach sein. Die Themen, die sie in ihrer Kunst verarbeitet sind es auch nicht. In ihrem Fokus steht besonders die menschliche Erinnerung. Konkreter: Die Erinnerung an das Leiden, an schmerzhafte, traumatische Erfahrungen, mit denen Menschen und sogar ganze Gesellschaften heute umgehen müssen. Sie erklärt: „Ich dekoriere, ich verbildliche das Leiden, ich zähme es. Ich schaffe meine eigene Formensprache, um die Veränderungen darzustellen, die bei der Heilung von Wunden auftreten.“ Dabei greift die Künstlerin bewusst auf Figuren und Formen des menschlichen Körpers und der Natur zurück. So veranschaulicht sie nicht nur den Schmerz, sondern auch das Verarbeiten und schwieriges, durch Spannungen und Brüche geprägtes Weiterwachsen. Sie glaubt: „Der Prozess des Erinnerns, Aufzeichnens und Überarbeitens ist für jeden von uns sehr wichtig. Unser Gedächtnis ist unzuverlässig und wir vergessen schnell. Das ist ein ganz natürlicher Prozess der Bewältigung traumatischer Erfahrungen. Aber nur, wenn wir uns mit den schlimmsten Wahrheiten auseinandersetzen, können wir wachsen.“

Erinnerung als Herausforderung

Dieser Herausforderung nicht aus dem Weg zu gehen, ist nicht immer einfach. Aber gerade in einem Haus, dessen Bewohner 1943 von den Nazis verschleppt und im Konzentrationslager ermordet wurden, scheint dies besonders wichtig. Justyna Adamczyk zitiert die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk: „Ein Leben, das nur von der positiven Seite her erzählt wird, ist ein falsches Leben. Es ist wichtig, sich der Dunkelheit zu stellen.“ Die Künstlerin ergänzt: „Nur so schaffen wir die Mittel, um uns vor einer Wiederholung der Geschichte zu schützen. Ich glaube, dass wir nur durch Ehrlichkeit zu einem gesunden Gedächtnis kommen können.“

Simon Imhof

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