Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, December 1, 2022

„Ein Schlag gegen unsere Kinder“

Enttäuschung, Empörung, Ungewissheit über die Zukunft, Komplikationen und höhere Pendlerkosten für Lehrer –dies sind die Folgen der Reduzierung des schulischen Unterrichts von Deutsch als Minderheitensprache von drei auf eine Stunde in der Woche.


Nachdem der Sejm die Mittel für den Unterricht von Deutsch als Minderheitensprache an polnischenSchulen um fast 40 Millionen Złoty gekürzt hat, hat der Minister für Bildung und Wissenschaft seit September den minderheitensprachlichen Deutschunterricht von drei auf eine Stunde pro Woche reduziert. Und zwar nur Deutsch – andere Minderheitensprachen waren von dieser Entscheidung des Ministers nicht betroffen. Wie hat sich dies auf die Aktivitäten der Schulen, die Beteiligung junger Menschen und die Lernergebnisse in der Woiwodschaft Ermland-Masuren ausgewirkt?

Allenstein, Glottau und Lahna
An der Grundschule Nr. 2 in Allenstein (Olsztyn) hat Deutsch als Minderheitensprache die höchste Schülerzahl: 160 von 1.060. „Wir haben immer noch mehr Schüler als im letzten Schuljahr, als wir 118 hatten“, sagt Ewa Jasińska, die Schulleiterin. „Wie habe ich es organisatorisch geschafft? Ich habe einfach den Arbeitsvertrag einer Germanistin, die ich zuvor befristet eingestellt hatte, nicht verlängert und bin bei einer Germanistin geblieben.“ Die Ergebnisse des Unterrichts?„Mit einer Stunde pro Woche und minimalen Inhalten – sehr gering. Erfreulich ist in dieser Situation nur, dass die Lehrer ihre Autonomie behalten haben und ihren Unterricht so gestalten können, dass er die Kinder interessiert und nicht entmutigt. Ich habe eine ausgezeichnete Deutschlehrerin, Ewa Fishan-Robak, die weiß, wie man das macht. Und darüber hinaus macht sie den Eltern effektiv klar, dass Deutsch als Minderheitensprache nicht dasselbe ist wie eine Fremdsprache, und dass auch sie eine gewisse Verantwortung haben. Und soweit ich weiß, verstehen die Eltern das und bemühen sich“, so die Schulleiterin.

Die Grundschule in Glottau(Głotowo) im Landkreis Allenstein wiederum ist eine ländliche Schule mit der größten Anzahl von Kindern, die alle im letzten Schuljahr Deutsch als Minderheitensprache gelernt haben.„In diesem Jahr lernen es von 80 Kindern an der Schule nur zwei nicht, aber unsere Kinder lernen seit September nicht nur eine, sondern zwei Stunden pro Woche. Wie habe ich das gemacht? Unsere Schule ist eine Gemeinschaftsschule, die von einem Verein betrieben wird, dessen Mitglieder Eltern sind. Das haben sie in der Sitzung beschlossen, und das habe ich getan, indem ich die Einsparungen genutzt habe. Aber auch so ist nur eine Lehrerin geblieben. Die andere ist bis auf Weiteres in Mutterschaftsurlaub gegangen. Wie es nun weitergeht, weiß ichnoch nicht“, sagt Ewa Łukaszun, die Schulleiterin. Und sie fügt hinzu: „Eine Stunde ist kein Lernen, es gibt keine Wiederholbarkeit. Es geht nur darum, die Kontinuität des Unterrichts aufrechtzuerhalten. So haben unsere Kinder beispielsweise bereitwillig und mit Erfolg an deutschen Lieder- und Rezitationswettbewerben teilgenommen. Jetzt haben wir keine Zeit mehr, sie vorzubereiten. Das ist eine Schande, denn dadurch haben sich die Kinder entwickelt.“


Deutsch als Minderheitensprache hat die Allensteiner Grundschule Nr. 14 im Schuljahr 2021/2022eingeführt.„Nein, die Verringerung der Stundenzahl hat nicht zu einer Entmutigung geführt. Wir haben die gleiche Anzahl von Kindern wie vor einem Jahr. Sie haben sich dem Deutschunterricht der Klasse 1 angeschlossen. Die Germanistin hat zusätzlich zu ihrer Vollzeitstelle Stunden im Gemeinschaftsraum erhalten, will jetzt aber zusätzlich Mathematik studieren, um sich für die Zukunft abzusichern“, teilte die Schulleiterin Ewa Romanowska mit. Die Ergebnisse der Bildung:„Wenn überhaupt, dann sind sie klein“, schätzt sie ein.

Die Grundschule Lahna (Łyna) im Kreis Neidenburg (Nidzica) gehörte zu den ersten drei Schulen, die im Jahr 2005 mit dem Unterricht in Deutsch alsMinderheitensprache begannen. In diesem Landkreis hat vor einigen Jahren ein Stadtrat den Schulen und Eltern den Deutschunterricht verleidet, was unter anderem dazu führte, dass das Bildungsministerium beschloss, dass Deutsch als Muttersprache und Fremdsprache nicht mehr gleichzeitig unterrichtet werden durfte.„Diese Schwierigkeiten liegen nun hinter uns. Damals brachen sechs bis sieben Schüler das Fach Deutsch ab. Einige von ihnen sind inzwischen zurückgekehrt. Unsere Schule hat jetzt 120 Schüler, und Deutsch als Minderheitensprache wird an 41 Schulen unterrichtet. Wie habe ich das geschafft? Der Germanist hat als Ausgleich für die Vollzeitstelle zusätzliche Stunden erhalten und wird auch zusätzlich qualifiziert. Eine Stunde ist einfach nur lächerlich! Was für Ergebnisse?“, klagt Marzena Pstrągowska, die Direktorin der Schule.

Wengoyen, Deutschendorfund Schlobitten
An der Grundschule in Wengoyen (Węgoj) im Kreis Allenstein lernen 80 von 96 Schülern Deutsch.„Der Elternbeirat hat beantragt, den Rest im Rahmen von außerschulischen Aktivitäten zu unterrichten, aber das ist vorerst nicht möglich. Vielleicht ab dem nächsten Schuljahr“, sagt Izabela Bejnar, die Schulleiterin. Sie hat die langjährige, bewährte Deutschlehrerin, die einen ausgezeichneten Ruf hat, nicht entlassen, denn diese hat eine zweite Stelle an einer Schule in Bischofsburg (Biskupiec) gefunden und lehrt nun an zwei Schulen Deutsch.Drei Stunden – das war nicht genug, um die Kinder effektiv zu unterrichten. Und eine pro Woche ist gar nichts.

Die Grundschule in Deutschendorf (Wilczęta) im Kreis Braunsberg (Braniewo) ist eine von zwei Schulen in der Region, in denen Kinder in zwei Minderheitensprachen unterrichtet werden: Ukrainisch drei Stunden und Deutsch eine pro Woche.„Die Eltern waren sich dieser Änderung nicht bewusst. Als sie erfuhren, dass einige Kinder drei Stunden und andere eine Stunde hatten, waren sie überrascht und verärgert. Dies geschieht zum Nachteil der Kinder“, sagt Marzenna Zakieć, Direktorin der Schule.Die Schule wird von 117 Schülern besucht. Deutsch lernen davon 28 in zwei Gruppen – einer jüngeren und einer älteren Gruppe. Die Lehrerin ist dieselbe wie im letzten Schuljahr und sie unterrichtet auch Deutsch als Minderheitensprache in der Schule in Schlobitten (Słobity), in der es ebenfalls zwei Minderheiten gibt.„Außerdem habe ich ihr die Revalidierung anvertraut, das heißt, die Betreuung von Schülern mit besonderen Bedürfnissen“, so die Direktorin. Die Ergebnisse? „Kaum der Rede wert.“ Die Schulleiterin weist auf einen weiteren Nachteil der Reduzierung der Stundenzahl hin:„Unsere Germanistin arbeitete mit dem Verein der deutschen Minderheit in Elbing (Elbląg) zusammen. Unsere Kinder nahmen an verschiedenen Wettbewerben und Veranstaltungen teil, die von diesem Verein organisiert wurden. Dafür wird jetzt keine Zeit mehr sein“, stellt sie fest.

Was sagen die Lehrerinnen?
Sabina Reguła, Germanistin und gleichzeitig Vorsitzende des Vereins der deutschen Minderheit in Neidenburg (Nidzica) sowie Gründerin einer Facebook-Gruppe für Germanisten, die Deutsch als Minderheitensprache an Schulen unterrichten, meint:„Die Rückmeldungen lauten: Enttäuschung, Verwirrung und Ungewissheit, wie es weitergehen soll. Die Lehrer sagen schon jetzt, dass sie selbst diesen reduzierten Kernlehrplan nicht mit nur einer Stunde bewältigen können. Das hat nichts mit dem Wohl des Kindes zu tun. Das ist ein Schlag gegen unsere Kinder. Sie wurden als Ergebnis eines politischen Kuhhandels bestraft“, fasst Sabina Reguła die Ansichten ihrer Kolleginnen und Kollegen zusammen.

Justyna Stysiek unterrichtet seit vielen Jahren Deutsch als Muttersprache. Zuvor an der Grundschule in Wengoyen und jetzt noch in Bischofsburg.„Ich kann den Kernlehrplan nicht umsetzen, weil ich es zeitlich nicht schaffe. Eine Stunde pro Woche ist selbst für einen reduzierten Plan nicht genug. Kinder betrachten ein Fach, das einmal pro Woche stattfindet, als weniger wichtig, als ein Extra. Sie verlieren das Interesse, auch wenn meine Schüler mich bitten, mehr Deutsch zu unterrichten. Was kann ich ihnen beibringen? Das Lösen von Tests, aber nicht das Verstehen, Sprechen und die Aussprache, denn bei diesem Kernlehrplan liegt der Schwerpunkt auf der Grammatik. Diese Situation hat das Leben der Lehrer sehr kompliziert gemacht. Viele meiner Kolleginnen müssen jetzt zu zwei Schulen pendeln, und bei den derzeitigen Spritpreisen wird diese Arbeit unrentabel und es wird bald einen Mangel an Germanisten geben“, prophezeit Justyna Stysiek.

Vor allem Schulleiterinnen ländlicher Schulen betonten, dass die reduzierte Stundenzahl auch eine Verringerung der Subventionen für die Schulen bedeute. Dies bringt kleine Schulen in eine schwierige finanzielle Lage, und das in einer Zeit, in der die Lebenshaltungskosten steigen und noch weiter steigen werden. Alle Direktorinnen und Lehrer, die sich geäußert haben, sind zutiefst empört darüber, dass der Minister für Bildung und Wissenschaft eine solche Verwirrung und solche Härten verursacht und Kinder vom Lernen abgehalten hat.“

Lech Kryszałowicz

Im Schuljahr 2021/22 lernten in der Woiwodschaft Ermland-Masuren 2.182 Schüler Deutsch als Minderheitensprache. Das waren acht mehr als im Jahr davor. Wie viele es dieses Jahr sind, ist noch nicht bekannt. Die Datenerhebung ist im Gange.

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