Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, February 4, 2023

Poesie ist wertvoll

Die Schriftstellerin Ingeborg Odelga aus Proskau war die langjährige Stimme für die deutsche Poesie im Oppelner Radio in der Sendung „Nasz Heimat“. Dort las sie 20 Jahre lang Gedichte von Joseph von Eichendorff und anderer deutscher Dichter, aber auch ihre eigenen Werke.

Am 26. Juli 1926 wurde Ingeborg Odelga in Proskau geboren, wo sie bis heute lebt. Als 8-jähriges Mädchen wird sie zur Halbwaise, die Erziehung der kleinen Inge übernimmt die Familie der verstorbenen Mutter. 1940 geht sie nach Berlin, wo sie eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Nach dem Krieg arbeitet sie 30 Jahre lang als Krankenschwester im Proskauer Krankenhaus.

Poesie in der Familie
Den ersten Kontakt mit Poesie hatte Ingeborg Odelga dank ihres Vaters, der bereits 1935 seinen Gedichtband „Strophen aus der Tiefe“ in der Auflage von 1000 Exemplaren im Erdmann Raabe Verlag in Oppeln veröffentlichte. Die zweite Auflage erschien samt Übersetzung im Jahr 2000. Auch der Großvater von Ingeborg beschäftigte sich mit Poesie.
Doch das Schreiben von Gedichten kommt bei Ingeborg Odelga selbst erst später. Vom lokalen Radiosender Radio Opole wird sie eingeladen, in der Sendung „Nasz Heimat“ deutsche Gedichte vorzutragen. Zur Erntezeit fehlte der Redaktion ein Gedicht zum Erntedankfest und da beschloss die Proskauerin, selbst eines zu verfassen. So entstand das Werk „Erntezeit – goldene Zeit“. Im Oppelner Rundfunk las sie 20 Jahre lang ihre eigenen Gedichte, ebenso die von Joseph von Eichendorff und anderen deutschen Dichtern.

Ingeborg Odelga bezaubert das Publikum mit Gedichten über ihre Heimat.
Foto: Anna Durecka

Gedichte
In ihren Werken schreibt Ingeborg Odelga über das Leben, die Natur, Menschen und ihre Umgebung. Die Gedichte sind einfach, aber tief in ihrer Botschaft. Bisher sind vier Bände ihrer Werke erschienen. Es handelt sich um zweisprachige Bücher, obwohl die Dichterin nur auf Deutsch schreibt. Mit der Übersetzung beschäftigten sich Erhard Bastek, Jan Goczoł, Krystyna Górak und Emma Henning.
In dem Gedichtband „Poesie in meinem Leben“ schreibt Ingeborg Odelga nicht nur über ihre Heimat, sondern macht auch auf gesellschaftliche Missverständnisse aufmerksam. „Wenn mich innerlich etwas bewegt, dann muss ich das festhalten, rauswerfen, und da ist das Aufschreiben die beste Lösung. Ich habe in meinem Leben verschiedenes aufgeschrieben und gedichtet. Die Leute sagten, es sei mutig“, sagt Ingeborg Odelga, die ein Zitat, das sie einmal gehört hatte, zu ihrem Lebensmotto machte: „Es geht darum, dass kein Tag vergehen sollte, an dem man kein Gedicht liest oder kein gutes Stück Musik hört. Poesie ist wertvoll.“

Die erste Autorenlesung hatte Ingeborg 2008 in Prag während des Treffens der Vertreter der deutschen Minderheiten in Südosteuropa. Es folgen weitere Autorenlesungen, Ingeborg Odelga wird als Expertin zu dem Wettbewerb „Jugend Trägt Gedichte vor“ eingeladen. Auch als Zeitzeugin hat Ingeborg viel zu sagen, vor allem, was die Geschichte von Proskau angeht.

 

Heimaterde

Wir sind hier geblieben

uns hat man nicht vertrieben.

Wir dürfen in der Heimat

weiter sein,

trotz mancher Pein.

Proskau, 13.12.2007

 

Weg?
Vor der Wende wurde Ingeborg in dem Krankenhaus, in dem sie gearbeitet hat, so schlecht behandelt, dass sie an eine Ausreise nach Deutschland dachte. „Ich weiß, das lag daran, dass ich nicht richtig polnisch konnte. Und da dachte ich, nein, Schluss, da fahren wir raus mit meinem Vater”, erinnert sich Ingeborg an damals. Nach Berlin sollte die Reise gehen, zu einer Freundin von Inge. Doch Ingeborg rang mit ihren Gedanken hin und her, wie ihr Vater, ein Mann im hohem Alter, der in Proskau zu Hause war, den Umzug verkraften würde. Die Papiere zur Ausreise hat sie letzten Endes abgegeben, aber eine Ablehnung bekommen. Ein weiteres Mal versuchte sie es nicht mehr

 

Deutscher Freundschaftskreis
Ingeborg Odelga sammelte auch Unterschriften auf den Listen der Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit „nur in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis. Zu den anderen habe ich mich nicht gewagt. Und selbst da wollten sich nicht alle einschreiben. Aber ich habe keinen gezwungen“, sagt Ingeborg.

Sie weiß noch genau, wie sie sich nach der Registrierung der Organisation der deutschen Minderheit im Gericht gefühlt hat:

 

„Da war ich überglücklich. Ich war euphorisch! Ich wollte sofort in den Garten und da einen Volkstanz machen. Ja, aber da kam ich dann zur Besinnung. Mensch, du bist wohl nicht ganz dicht! Die kommen doch gleich und sperren dich ein. Und da habe ich das unterlassen. Aber, ich habe was anderes gemacht. Ich habe dann gleich am nächsten Sonntag meine Bekannten und Verwandten hier von der Schloßstraße zu mir in die Küche eingeladen und sagte: ‚Wir werden singen, deutsch singen. Deutsche Lieder!‘ „Hohe Tannen…“, „Am Brunnen vor dem Tore“, und und und! Auch Kirchenlieder sangen wir, vor Freude haben wir das gemacht.”

Es kamen junge und ältere Leute, eine Nachbarin hat sogar Zierharmonika gespielt. Als der Deutsche Freundschaftskreis ein Büro im Kulturhaus bekam, zog die Sängergruppe dorthin um. Ingeborg Odelga macht jedes Mal eine Anwesenheitsliste in einem Schulheft, innerhalb der Jahre ist es ein beträchtlicher Stapel geworden.

Ingeborg Odelga bekam die Auszeichnung Brücke des Dialogs in der Kategorie Menschen, mit Rafał Bartek, dem Vorsitzenden des VdG, der SKGD und des Oppelner Sejmiks (links) und dem Bürgermeister von Proskau, Krzysztof Cebula.
Foto: Mateusz Koszyk

Heimat Proskau
Neben der Dichtkunst widmete sich Ingeborg dem Skisport und Wanderungen durch das Riesengebirge, die Beskiden, die Tatra und die Alpen. „Als Skier dienten mir ganz am Anfang Faßbretter und als Skigebiet der Garten”, erinnert sich Ingeborg Odelga.

Vor vielen Jahren war sie an Aktivitäten beteiligt, um eine im Zentrum von Proskau wachsende Platane als Naturdenkmal zu etablieren, wie auch einer Straße in Proskau den Namen Joseph von Eichendorff zu geben. Ingeborg Odelga ist leidenschaftliche Gärtnerin. In ihrem Garten sind nicht nur Kräuter zu finden, sondern auch die in der früheren Pomologie gezüchteten Pflanzenarten. Zahlreiche geschichtlich wertvolle Gegenstände überreichte sie der Heimatstube an der Grundschule in Proskau. „Ich bin sehr mit meiner Heimat verbunden, ich habe hier Wurzeln geschlagen. Und die kann man nicht abschneiden. Die werden begossen von mir“, sagt die 96-jährige Dichterin von sich.

Im Jahr 2021 hat die Österreich Bibliothek in Oppeln einen Film mit der Autorin gedreht. Den Film „Poesie im Leben von Ingeborg Odelga. Treffen mit der deutschsprachigen Dichterin aus Proskau“ finden sie auf dem Facebookprofil Biblioteka Austriacka w Opolu.

KLICK

2022 bekam Ingeborg Odelga die Auszeichnung Brücke des Dialogs in der Kategorie Mensch, die vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Selbstverwaltung der Woiwodschaft Oppeln verliehen werden. „Frau Ingeborg Odelga ist eine Person, die auf jeden Fall so einen Preis verdient, die mit ihrem ganzem Leben bewiesen hat, wie wichtig Dialog, Zweisprachigkeit und Verbundenheit mit der Tradition und Heimat sind. Das alles verkörpert Frau Odelga mit ihrem Leben“, sagt Lucjan Dzumla, Direktor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit.

 

 

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