Das Thema „Kulturelle Vielfalt” wurde aus verschiedenen Blickpunkten beleuchtet.
Foto: Anna Durecka

Zum 22. Mal wurde vom 25. bis 27. Oktober auf Schloss Groß Stein das Schlesienseminar veranstaltet. In diesem Jahr diskutierten Wissenschaftler, Politiker, Geistliche und Laien über die kulturelle Vielfalt in Europa. In den Referaten wurde aber auch die regionale Ebene angesprochen sowie persönliche Erfahrungen.

 

Eine solche persönliche Erfahrung mit der kulturellen Vielfalt präsentierte z.B. Wiktor Marek Leyk, der Bevollmächtigte des Marschalls der Woiwodschaft Ermland und Masuren, der selbst in einem multikulturellen Umfeld aufgewachsen ist. Unter seinen Vorfahren sind sowohl Salzburger Protestanten als auch Masuren und einige eingeheiratete Familienmitglieder kommen auch aus den ehemals polnischen Ostgebieten, den sog. Kresy. „Für mich als Lutheraner und Masuren ist das also nichts neues und Vielfalt bedeutet für mich aus anderen Kulturen und ihren Erfahrungen zu lernen, denn jedes neue Wissen bereichert“, sagt Wiktor Marek Leyk.

 

Auch der scheidende Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, ließ die Teilnehmer des Seminars an seinen Erfahrungen mit Vielfalt teilhaben, wobei diese nicht immer ganz positiv waren, wie seine Kindheitserfahrungen zeigen: „Als Flüchtlingskinder aus Schlesien in Bayern hatten wir es nicht immer leicht, denn für die Alteingesessenen waren wir eben Fremde. Das ließen mich z.B. meine Altersgenossen schon spüren, als sie mich als Saupreußen beschimpft haben. Ich wusste also, dass ich wegen meiner Herkunft anders gewesen bin.“

 

Schlesische Perspektive

Das Thema Schlesien, jedoch nicht aus der Perspetive der Vertriebenen und Flüchtlinge, beleuchtete beim Seminar auch Prof. Klaus Ziemer von der Stefan-Kardinal-Wyszynski-Universität in Warschau, der u.a. klargestellt hat, wieso die nach 1945 nach Schlesien gekommenen Polen sogar als Fremde angesehen werden mussten. „Sie und ihre Kultur haben sofort auf die Schlesier eingewirkt, hatten aber zu Beginn zumindest keine Kenntnis von den spezifischen Befindlichkeiten in der Region, was sie ganz einfach zu völlig Fremden machte“, meint Prof. Ziemer. Dabei mache, historisch gesehen, eben das multikulturelle Zusammenleben in Schlesien den Reiz der Region aus, in der nun nach der politischen Wende 1989 die sich verschieden identifizierenden Menschen wieder zusammenwachsen können, sagt Prof. Klaus Ziemer. Dabei empfinden auch heute die Schlesier die Polen als Fremde, jedoch aus einem ganz anderen Grund. „Es sind heute die in anderen Teilen Polens lebende Polen, vor allem die Warschauer, die für die Schlesier Fremde sind. In der Hauptstadt lebend, haben sie nur wenig Verständnis für die Spezifik der jeweiligen Region und so werden ihre politischen Entscheidungen, mögen sie noch so gut gemeint sein, meistens nicht den Geist der Region treffen“, meint Prof. Ziemer, der damit auch generell zeigt, dass die Andersartigkeit und das Fremdsein keineswegs Phänomene sind, die man nur im Kontakt zwischen völlig verschiedenen Kulturen sieht.

 

Europäische Perspektive

Doch nicht nur Schlesien oder Masuren standen im Fokus der Diskussionen. Beim Thema kulturelle Vielfalt fiel das Augenmerk auch auf die andauernde Flüchtlingsdebatte und generell den Umgang Deutschlands mit der muslimischen Kultur. Über die deutsche Willkommenskultur, die Einstellung den Fremden gegenüber in Polen und Deutschland, sprachen am zweiten Tag des Schlesienseminars unter anderem Dr. Mariusz Kozerski von der Breslauer Universität, Prof. Danuta Janicka von der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn und Dr. Agnieszka Legut von der Pädagogischen Universität in Krakau.

 

Während in Deutschland Fremde und Flüchtlinge immer noch überwiegend mit positiven Reaktionen seitens der Gesellschaft rechnen könnten, hat sich in Polen innerhalb der letzten zwei Jahre die Stimmung komplett verändert. „Im Mai 2015 waren noch 72 Prozent der Polen dafür Flüchtlinge aufzunehmen. Im April 2016 nur noch 33 Prozent, dagegen aber schon 61 Prozent“, stellte Dr. Agnieszka Legut fest. Dies hänge mit der Rhetorik der regierenden Partei PiS zusammen, die Flüchtlinge mit Terroristen gleichstellt und sie als Bedrohung darstellt. „Insofern kann man in Polen eher von der Entwicklung einer Ablehnungskultur sprechen”, fasste Dr. Legut zusammen.

 

In Deutschland dagegen gehe man schon seit Jahren – und nicht erst seit der Flüchtlingskrise immer mehr auf die Bedürfnisse der Fremden (sowohl jüngst Eingewanderter, wie auch in den 50er- Jahren als Gastarbeiter Eingeladenen) ein, was sich auch in der deutschen Gesetzgebung sichtbar macht. „Das Bundesverfassungsgericht hat unter anderem entschieden, dass man als Muslimin am Arbeitsplatz das Kopftuch tragen darf, auch die religiös motivierte Beschneidung von Jungen wurde gesetzlich geregelt. In 14 von 16 Bundesländern wird der Islam an der Schule im Religionsunterricht angeboten. Auf die Bedürfnisse der muslimischen Gemeinschaft – und immerhin sind es fünf Millionen Menschen – wird immer mehr eingegangen“, betonte Prof. Danuta Janicka. Der Begriff „deutsche Willkommenskultur“ sei also nicht bloß eine leere Phrase. „Trotz berechtigter Kritik bin ich davon überzeugt, dass sich die Willkommenskultur weiter entwickeln wird, weil sie einen ausschlaggebenden Einfluss auf den Erfolg der deutschen Migrationspolitik hat“, faßte Dr. Mariusz Kozerski zusammen.

 

Keine Angst vor Fremden

Diesen Einfluss auf die Kultur als positive Erscheinung unterstreicht auch Wiktor Marek Leyk, der meint, dass man die kulturelle Andersartigkeit nicht sofort ablehnen dürfe, sondern zunächst versuchen sollte, sie zu verstehen, mit der eigenen Kultur zu vergleichen und erst dann entweder in die eigenen Werte aufnehmen oder zumindest akzeptieren. „Vor allem Fremden haben nur die Angst, die sich in ihrer eigenen Kultur und ihrer eigenen Identität nicht sicher fühlen. Wer in seinem eigenen Kultrkreis fest verwurzelt ist, der sieht in einem Fremden keine Gefahr“, sagte Wiktor Marek Leyk.

 

Prof. Klaus Ziemer gab dann auch zu bedenken, dass alle – auch die, die sich heute gegen alle Fremden stellen – historisch gesehen ebenfalls Fremde in dem für sie heute heimischen Land sind. „Ob wir nun über das Deutsch- oder Polentum sprechen, spielt keine Rolle. Jede Nationalität wurde im Grunde vor Jahrhunderten aus vielen verschiedenen Komponenten zusammengesetzt. Und erst diese und die verstrichene Zeit ließen uns zu den einzelnen Gesellschaften und Nationen zusammenwachsen, die wir heute sind“, sagt Prof. Klaus Ziemer.

 

Rudolf Urban, Anna Durecka

 

Das 22. Schlesienseminar wurde vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit organisiert. Partner waren der Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften und Entwicklungsforschung der Wirtschaftsuniversität Breslau, der Verband Deutscher Gesellschaften in Polen, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Minderheitenseelsorge des Bistums Oppeln sowie der St- Karl-Boromäus-Verein der Caritas-Bibliothek Oppeln. Finanziert wurde das Seminar vom Bundesministerium des Innern und dem sächsischen Staatsministerium des Innern.