Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Friday, July 1, 2022

Denkmal oder Museum (+Video)

 

Im Stadtkulturzentrum in Ruda organisierten der DFK Kreis Kattowitz, die Autonomiebewegung Schlesiens und die Schlesische Regionale Partei eine Debatte mit dem Titel „Zgoda-jaka pamięć?” (dt. „Zgoda – Wie gedenken?“). Zu den eingeladenen Experten gehörten der ehemalige Direktor des Schlesischen Museums in Kattowitz und des Oberschlesischen Museums in Beuthen, Leszek Jodliński, die Autorin des Buches „Komendant“, das von Samuel Morel handelt, Anna Malinowska und Prof. Ewa Michna von der Jagiellonen-Universität. Auf der Seite der Organisationen nahmen Platz der Vorsitzende des Verbandes deutscher Gesellschaften, Bernard Gaida, der Vorsitzende der Autonomiebewegung Oberschlesiens, Jerzy Gorzelik und als Vertreter der Regionalen Schlesischen Partei Henryk Mercik.

 

Um zu verstehen, worum es bei der Debatte geht, muss zuerst die geschichtliche Kulisse dargestellt werden. Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Zgoda in Schwientochlowiz befinden sich heute Schrebergärten. Das Lagertor selbst ist das Einzige, was vom Nachkriegslager übrig ist. Es war mit Büschen bewachsen und wurde immer wenige sichtbar. Aufgrund einer Initiative privater Personen wurde 1995 das Lagertor an eine sichtbare Stelle auf dem ehemaligen Lager umgestellt und renoviert. Vor dem Tor ist ein Gedenkstein mit Tafeln, die an die Zeit des Nachkriegslagers erinnern. „Das Lagertor wurde schon einmal abmontiert und angeblich zur Renovierung gebracht. Nach einem großen, woiwodschaftsweiten Aufruf von Anton Nowok, wurde das Tor auf einem Schrottplatz gefunden und erneut hier angebracht”, erklärt der Vorsitzende der Partei Ślązoki Razem, Leon Swaczyna. Blasius Hanczuch vom DFK Benkowitz hat damals seinen Cousin, einen Schmied, gebeten, aus Metall ein Konstrukt zu schweißen, mit einem Kreuz und einer Ablagestelle für Kerzen und Blumen. „Da ist auch ein Stacheldraht als Symbol für das Lager. Wir haben es verzinken lassen, damit es nicht rostet. Das war ein erster Schritt, den wir mit Herrn Gruschka gemacht haben“, sagt der 84-jährige Blasius Hanczuch.

Kommune stellt sich quer

Gerhard Gruschka (91 Jahre alt) ist der letze Überlebende des Nachkriegslagers Zgoda. Er wünscht sich ein Denkmal für die Opfer, das hinter dem Lagertor entstehen soll. Das Projekt für dieses Denkmal ist seit 2004 fertig. Gerhard Gruschka möchte auch einen Teil der Kosten selbst tragen, doch immer noch kam das Denkmal nicht zustande. Im Januar 2020 entstand ein Bürgerkomitee für den Bau des Denkmals der Opfer des Lagers Zgoda. „Wir haben das Projekt aktualisiert, an den Stadtrat und den Stadtpräsidenten Daniel Beger Schreiben versendet und Treffen mit ihnen gehabt. Der Stadtrat war mit unserer Idee einverstanden, die Säulen des Lagertors zu renovieren und ein Denkmal zu bauen. Wir hatten auch Treffen mit dem Institut für Nationales Gedenken und dank Herrn Gruschka Kontakt zu Vertretern des Ministerium für Kultur und Wissenschaft in NRW. Jeder war dafür, wir hatten auch von allen Seiten einige Geldmittel zugesichert bekommen“, erklärt Kamil Jarząbek vom Bürgerkomitee.

Jedoch erreichte das Komitee im August ein Schreiben des Stadtrates in Schwientolchlowitz, dass die Kosten des Denkmals, die auf 300.000 PLN geschätzt wurden, von der Stadt nicht zu tragen sind und der Stadtrat sich an das Marschallamt wenden werde. Zusätzlich startete das Komitee auf ein speziell eingerichtetes Konto eine Spendenaktion für das Denkmal. „Wir haben einige Spenden gesammelt und sind für diese verantwortlich. Wir wissen nicht, was wir den Spendern sagen sollen. Man hat aufgehört, mit uns zu sprechen. Eine Absichtserklärung haben wir noch gemeinsam verfasst, die vom Stadtpräsidenten bis heute nicht unterschrieben wurde. Ohne die Bewilligung der Stadt können wir nichts machen. Im Februar kam die Idee seitens der Stadt für ein Zgoda-Zentrum, ein Museum zweier Totalitarismen“, sagt Izabela Kühnel, Mitglied des Bürgerkomitees für den Bau des Denkmals der Opfer des Lagers Zgoda.

 

 

Sichtbares Zeichen

Die Teilnehmer der Debatte waren sich größtenteils einig, dass ein Denkmal für die Opfer das mindeste ist, was an sie noch erinnern kann. „Es geht wohl nicht ums Geld. Es geht eher um eine aktive Teilnahme des Stadtrates. Aus unserer Diskussion ging hervor, dass wir verschiedene Stadträte in der Nähe kontaktieren sollten, denn im Lager Zgoda waren Menschen aus der ganzen Umgebung ums Leben gekommen. Zgoda steht für die Oberschlesische Tragödie. Wenn jeder Stadtrat diese Idee befürwortet und uns einige Mittel für den Bau offiziell gewährleistet, dann müsste das klappen“, sagt Henryk Mercik, der auch Mitglied des Komitees ist. Die Frage nach dem Museum beider Totalitarismen beantwortet er eindeutig: „Ein Museum kommt eher nicht in Frage. Von dem Lager Zgoda ist das Tor übriggeblieben, einige Todesscheine, die Familienmitglieder aus dem Lager bekommen haben und aufgenommene Aussagen von Zeitzeugen. Das ist zu wenig. Multimediale Museen sind zwar sehr modern, aber Fernseher allein machen noch kein Museum aus. Das ist kein Ort, an dem wir irgendetwas zeigen können“, so Mercik.

„Ich finde, das Tor ist aussagekräftig und bereits zu einem Symbol von Zgoda geworden. Doch ein architektonisches Denkmal würde dem Ort einen neuen Charakter geben. Die Erinnerung ist in uns, mir ist unklar welche Rolle das Museum spielen sollte“, sagt Eugen Nagel, Vorsitzender des DFK Kreis Kattowitz. „Wir haben diese offene Debatte organisiert, um jeden zu Wort kommen zu lassen. Ein Vertreter des Stadtrates von Schwientochlowitz war im Saal anwesend und ist auch bis zum Ende der Debatte geblieben, aber er hat keine Stellung zu dem Gesagten genommen – was auch aussagekräftig ist, finde ich“, so der Vertreter des DFKs Kattowitz.

 

Gedenken

Am darauffolgenden Samstag (19.6.) fanden die traditionellen Feierlichkeiten für die Opfer des Lagers Zgoda statt. Vertreter verschiedener Organisationen, Politiker und Menschen, denen die Geschichte der Nachkriegszeit in Oberschlesien nicht fremd ist, beteten gemeinsam für die Opfer des Lagers. Dabei wurde von Vertretern vieler Organisationen nochmals der Wunsch nach einem Denkmals geäußert, hervorgehoben wurde auch, dass die Opfer namentlich genannt werden sollten. „Gleichfalls sollte ihr Alter neben ihren Namen stehen, damit sichtbar wird, dass ganze Familien hier gefangen gehalten wurden, auch Kinder“, unterstrich Bernard Gaida in seiner Rede. Jerzy Gorzelik äußerte seine Bedenken gegenüber dem vorgeschlagenem Museum beider Totalitarismen: „Es soll von einem Land gefördert und geleitet werden, das rechtlicher Nachfolger derer ist, die 1945 dieses und viele andere Nachkriegslager verwalteten, einem Land, das so lange den Peinigern Kriegsveteranen-Rente auszahlte, aber nie den Mut hatte, den Opfern Genüge zu tun – und das in jeglicher Hinsicht“, so Gorzelik. Der EU- Abgeordnete Łukasz Kochut stellte daher, wie bereits im Januar in Lamsdorf, seine Idee vor, wenn es keinen Ort für ein Museum der Schlesier gebe, dieses als Plattform mit Zeitzeugenaussagen und Dokumenten im Internet entstehen sollte, mit Inhalten von den Nachfahren der Opfer selbst bestückt.

Inzwischen hat der Stadtpräsident von Schwientochliwitz Daniel Beger auf das Schreiben des Bürgerkomitees geantwortet. Die Antwort wurde Am 22. Juni verfasst, 4. Tage nach der Debatte und einen Monat nach dem das Bürgerkomitee das Schreiben am 18. Mai an den Präsidenten abgeschickt hat. Im Schreiben wurde dem Komitee versichert, dass die Stadt Schwientochlowitz die Opfer beider Lager würdigen möchte.

Manuela Leibig

 

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