Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Monday, December 5, 2022

Gedenktafel auf einem nicht existierenden Friedhof

Das kulturelle Erbe der westlichen und nördlichen Gebiete Polens fasziniert die nachfolgenden Generationen. Seit den Grenzänderungen nach 1945 sind nahezu 80 Jahre vergangen. Es schien zunächst, als würde mit dem Wegzug der früheren Bewohner ihre Kultur aufhören zu existieren und in Vergessenheit geraten. Dies ist nicht geschehen.

Trotz der Verwüstung unmittelbar nach 1945 und den anschließenden Destruktionen knüpfen heutige Bewohner gern an die Vergangenheit an, suchen ihren Reichtum und erkunden sie ohne nationalistischen Blickwinkel. Mitte Mai wurde in Beckern bei Jeltsch-Laskowitz eine Gedenktafel enthüllt. Dies ist der in der Region aktiven „Pfadfindergruppe für lokale Geschichte“ (Lokalna Grupa Zwiadowców Historii) zu verdanken.

 

 

Foto: Krzysztof Ruchniewicz

 

Erinnerung wiederbeleben

Es ist einer dieser Begriffe, die seit Kurzem zu meinem praktischen Wortschatz gehören. Ich denke, das ist ein Zeichen der Zeit. Der Generationswechsel bedeutet, dass viele der Geschichten, die unsere Vorfahren erzählt haben, nicht mehr artikuliert werden und uns nicht mehr in unserem täglichen Leben begleiten. Wir haben sie nicht immer niedergeschrieben, wir haben sie nicht unbedingt richtig verstanden. Und oft fehlten uns die Geduld und der Wille, ihnen aufmerksam zuzuhören.

Umso dankbarer sind wir, dass wir diese letzten Mnemonen, die gemeinnützigen Treuhänder der Erinnerung, kennenlernen. Die Geschichte, sowohl die alte als auch die moderne, wird in ihren detailreichen Darstellungen plötzlich lebendig. Nicht anders ging es mir am 21. Mai, als ich an der Enthüllung einer Gedenktafel teilnahm, die an den ehemals deutschen protestantischen Friedhof in Beckern bei Jeltsch-Laskowitz erinnert.

 

(Soziales) Engagement

An dieser Stelle möchte ich die Rolle der Initiatoren der Idee hervorheben: der Verein der Pfadfinder für lokale Geschichte. Es handelt sich um eine Gruppe engagierter Menschen, die sich mit Leidenschaft für die Erforschung und Popularisierung der Vergangenheit dieser Region einsetzen.

Seit mehreren Jahren führen sie kleinere und größere Gedenkprojekte durch. Ich möchte Sie an zwei frühere Projekte erinnern: die Errichtung einer Gedenkinstallation in der Nähe des ehemaligen Außenlagers des deutschen KZ Groß Rosen in Meleschwitz (Miłoszyce) und die Anbringung einer Informationstafel vor den Ruinen der mittelalterlichen Burg in Jeltsch-Laskowitz.

Im ersten Fall reichte es nicht aus, auf den lokalen Ort der Erinnerung an die NS-Verbrechen aufmerksam zu machen – man lieferte auch grundlegende Informationen darüber, einschließlich eines Plans des Lagers. Im zweiten Fall erhielten Spaziergänger und Touristen die Gelegenheit, eine historische Stätte kennen zu lernen, die zu den wichtigsten der Region gehört. Im September dieses Jahres soll an diesem Ort ein historisches Fest stattfinden, das von dem Verein organisiert wird.

 

Mitglieder einer lokalen Geschichtsentdeckergruppe haben eine Gedenktafel aufgestellt.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

 

Basisinitiativen

In der Vergangenheit, insbesondere nach 1989, waren die Initiatoren von Gedenkveranstaltungen ehemalige deutsche Bewohner der West- und Nordgebiete. Wir verdanken ihnen sehr viel. Sie versorgten uns mit Literatur und Ikonographie. Sie waren oft die ersten Führer zu einer Geschichte, die wir nicht kannten und/oder nicht verstanden, deren Codes (mit ihrem Tod) unterbrochen wurden. Die Geschichte dieser Region mit all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit musste erlernt bzw. neu erlernt werden.

Dies bedeutet nicht, dass die „Wiederentdeckung“ in allen Fällen reibungslos verlief. Sie wurde sowohl von der großen Geschichte als auch von der strengen nationalen Darstellungsweise sowie von der unmittelbaren persönlichen Erfahrung überschattet. Allmählich rückte nicht mehr die Geschichte der nationalen Kämpfe in den Vordergrund, sondern die Geschichte der unmittelbaren Nachbarschaft, lokal, aber nicht marginal.

Erst die Enkel und Urenkel polnischer Siedler hatten die Kraft, die Neugier oder die Freiheit, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft die Verbindung zur Vergangenheit, einschließlich der schlesischen Wurzeln, zu suchen.

 

(Mit-)Verantwortung für das Kulturerbe

Wir sollten daher die Initiativen des Vereins begrüßen und seinen Mitgliedern viel Durchhaltevermögen und uns allen eine größere Sensibilität für das kulturelle Erbe wünschen, dessen (Mit-)Schöpfer und Verwalter wir ja auch sind. Es ist überall verborgen, hinter einem Zaun, im Gebüsch eines verwüsteten, vergessenen Friedhofs, aber auch in repräsentativen Gebäuden oder in großmütterlichen und großväterlichen Schubladen. Man muss nur den Willen haben, es wahrzunehmen und zu begreifen.

Im Raum dieses Erbes ist Platz für verschiedene Identitäten, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Diese Veränderungen zu verstehen, wird auch in den kommenden Jahren eine Herausforderung für uns sein.

Krzysztof Ruchniewicz

 

 

Über den Autor:

Prof. Krzysztof Ruchniewicz ist Deutschlandkenner und Historiker, Direktor des Willi-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien an der Universität Breslau. Außerdem betreibt er eigene Blogs und zusammen mit Prof. Przemysław Wiszewski den Podcast „2 Historiker – 1 Mikrofon“.

 

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