Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, June 30, 2022

Für mehr Schutz der Minderheitensprachen

Am 11. Mai wurde im Rahmen einer Konferenz eine neue Publikation des Verbandes deutscher Gesellschaften vorgestellt. „Der Weg zur sicheren Zukunft der deutschen Sprache – Deutsche Minderheit zur Umsetzung der Europäischen Sprachencharta“ lautet ihr Titel. Darin werden nicht nur die Problemfelder der Förderung der deutschen Sprache aufgezeigt, sondern auch Ideen, wie die Umsetzung besser funktionieren könnte.

 

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarates wurde vor 30 Jahren unterzeichnet und trat wenige Jahre später, nachdem die ersten fünf Staaten sie ratifiziert hatten, in Kraft. Polen ratifizierte die Charta im Jahr 2009 mit einem ambitionierten Plan, die Regional- oder Minderheitensprachen, die es im Land gibt, nicht nur zu schützen, sondern sie alle gleichermaßen zu fördern.

 

Bernard Gaida, Martin Lippa und Rafał Bartek sowie – online zugeschaltet – Prof. Tomasz Wicherkiewicz diskutierten über die Bedeutung der Minderheitensprache.
Foto: VdG

 

Gefährdete Sprache

„Dies führte aber gleichzeitig dazu, dass in Polen sowohl gesprochene als auch bereits ausgestorbene Sprachen theoretisch genau dem gleichen Schutz unterliegen“, sagte während der Konferenz Prof. Tomasz Wicherkiewicz, Sprachen- und Minderheitenforschen an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen. Ein anderes Problem sei aber, dass die Europäische Sprachencharta, die die Sprachen und nicht die Minderheiten schützen soll, so nicht in Polen verstanden werde. „Sie wird nur angenommen als sekundäre internationale Verankerung des polnischen Rechts. Damit wird sie schrittweise zu einem toten Instrument. Man sieht nicht den Wunsch, die Minderheitensprachen von juristischen Minderheitenrechten zu trennen, denn alles wird durch das politische Prisma gesehen“, sagt Tomasz Wicherkiewicz.

Dabei wäre eine derartige Trennung geboten, denn während die nationalen und ethnischen Minderheiten in Polen auf konkrete Rechte bauen können, müssen die von ihnen gesprochenen Sprachen als gefährdete Sprachen angesehen werden. „Zu den gefährdeten Sprachen in den ehemals deutschen Ostgebieten gehört ebenso Deutsch, das nach zwei Generationen des öffentlichen Gebrauchsverbots in der Zeit der Volksrepublik heute aktive Maßnahmen braucht, damit die Sprache gerettet und verbreitet wird“, sagt Tomasz Wicherkiewicz.

 

Positionspapier

 

 

Das geschehe aber, so die Vertreter der deutschen Minderheit, seitdem Polen die Sprachencharta unterzeichnet und ratifiziert hatte, nicht. Expertenberichte, die von Anfang an auf die gleichen Mängel hinweisen, werden nicht dazu genutzt, die Situation der deutschen Sprache staatlicherseits zu verbessern, meint Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG. „Diese Art von Haltung der polnischen Regierungen hat mich schon frustriert und deswegen kam mir letztes Jahr die Idee, etwas zu ändern. Man muss nur die einzelnen Paragrafen der Charta lesen und eigene Ideen der Umsetzung verschriftlichen“, sagt der VdG-Vorsitzende.

So entstand schließlich das Positionspapier des VdG. Darin findet der Leser nicht nur allgemeine Informationen zur Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, sondern eben auch eine Auflistung der konkreten Maßnahmen, die Polen deklariert hatte zu realisieren. Dazu gehört die Förderung der Minderheitensprachen nicht nur in den Schulen, sondern auch im öffentlichen Leben, in den Medien, der Wirtschaft, der Kultur und im grenzüberschreitenden Austausch. Neben der Darstellung des Ist-Zustandes stellt der VdG zu jedem der Punkte zusätzlich eigene Umsetzungsvorschläge vor.

Das Positionspapier soll dabei aber nicht nur dem Europarat und seiner Expertenkommission sowie der polnischen Regierung behilflich sein. Es kann, wie Bernard Gaida betont, auch innerhalb der Minderheit wirken: „Ich bin der Meinung, dass mithilfe dieses Dokumentes die deutsche Minderheit ihre Rechte schrittweise selbst realisieren muss und die einzelnen Themenbereiche nach und nach abarbeitet, sodass man das Positionspapier nun auch als Wegweiser für die eigenen Handlungen betrachten kann.“ Damit meint Bernard Gaida z. B. eine lebendige Zweisprachigkeit in der eigenen Firma oder aber den Gebrauch der deutschen Sprache im öffentlichen Raum.

Auf das Dokument, das bereits an das polnische Innenministerium und den Europarat versendet wurde, bekam die Minderheit von polnischer Seite bislang keine Rückmeldung. Der Europarat dagegen habe signalisiert, wie Bernard Gaida mitteilt, das Dokument werde bei der nächsten Kontrolle in Polen mitberücksichtigt werden

 

 

Deutsch als Minderheitensprache

Bei der Präsentation des Positionspapiers wurde aber auch den jüngsten Kürzungen bei Deutsch als Minderheitensprache viel Raum gegeben. Diese seien, so die Teilnehmer, ein Beweis nicht nur für die Diskriminierung der deutschen Minderheit, sondern auch für ein falsches Verständnis der Sprachencharta. Dort wird nämlich nicht nur der Unterricht der Minderheitensprachen als Ziel gestellt, sondern auch ein Schulwesen in der jeweiligen Sprache einer Volksgruppe. Ein solches aber existiert in Polen bislang nicht. Die Regierung gebe lediglich die Möglichkeit, dieses zu organisieren, anstelle selbst tätig zu werden. „Statt also heute über dieses Minderheitenschulwesen zu sprechen, versuchen wir, drei Deutschstunden pro Woche zu retten und werden uns freuen, wenn dies gelingt. Dabei ist das dann kein Sieg, sondern die Rückkehr zu einem Zustand, der seit Jahren von Experten des Europarates als mangelnde Realisierung der Sprachencharta angemahnt wird“, sagt Bernard Gaida.

Im Rahmen der Konferenz sprachen auch Martin Lippa, der Vorsitzende der sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen in der Woiwodschaft Schlesien, und Rafał Bartek, Chef der Oppelner deutschen Minderheit, über die derzeitige Lage des Deutschunterrichts in ihren Regionen. Diese sei, so sagten beide, heute sehr schwierig. Viele haben erst durch die Entscheidungen des Bildungsministers über die Kürzung der Deutschstunden von drei auf eine wöchentlich gemerkt, was damit verloren gehe. Es sei, so Rafał Bartek, nicht nur der Deutschunterricht an sich, sondern auch die Zukunftsperspektiven sowohl der Kinder als auch der Region, die sich seit Jahren vor allem wegen der Deutschkenntnisse ihrer Einwohner wirtschaftlich gut entwickele.

Rudolf Urban

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