Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Monday, August 15, 2022

#sprachlos

Die Entscheidung des Sejm vom 17. Dezember, die Subventionen für den Unterricht von Deutsch als Minderheitensprache zu kürzen, wird weiterhin rege kommentiert. Nicht nur die Minderheit selbst kritisiert diese Entscheidung harsch und versucht, Senatoren zur Ablehnung zu bewegen. Petitionen und Appelle wurden auch von Eltern, Unternehmern und Wissenschaftlern vorbereitet. Und die Jugend der deutschen Minderheit startete eine Online-Kampagne.

„Als Vorstand des Bundes der Jugend der deutschen Minderheit in Polen möchten wir unseren ausdrücklichen Widerstand gegen die Entscheidung des Sejm zum Ausdruck bringen. Kinder und Jugendliche, die in den Schulen die Minderheitensprache lernen, werden am meisten unter den politischen Entscheidungen der Regierung leiden. Auf diese Weise werden wir der Möglichkeit der Entwicklung, der Chancen und der gesetzlich garantierten Freiheit, die “Sprache des Herzens” zu lernen, beraubt.”, lesen wir auf dem Facebook-Profil des Bundes, der die Aktion #sprachlos initiiert hat. Jeder, der ebenso symbolisch seine Kritik an  den Kürzungen beim Deutschunterricht als Mnderheitensprache zum Ausdruck bringen will, kann von sich ein Protraifoto mit vor dem Mund gehaltener Hand machen, einen Schwarz-Weiß-Filter verwenden und das Foto in den sozialen Netzwerken mit den Hashtags #niemaMowy #sprachlos hochladen.

 

An der Aktion #niemaMowy #sprachlos beteiligt sich auch Zuzanna Donath-Kasiura, die Oppelner Vizemarschallin.
Foto: facebook.com

 

 

An der Aktion der Jugend der deutschen Minderheit beteiligen sich nicht nur deren Altersgenossen. Eine der ersten, die auf den Appell geantwortet hatte, war die Oppelner Vizemarschallin Zuzanna Donath-Kasiura, die unter ihr Foto geschrieben hat: „Bis zum Jahr 1989 war das Deutschunterricht in der Woiwodschaft Oppeln verboten, ich konnte in der Schule nicht Deutsch lernen, meine Eltern haben aus Angst vor Repressionen mit mir nicht in der Muttersprache gesprochen- seien wir nicht gleichgültig“.

 

 

Und auch aus der deutschen Politik kommt Unterstützung für die Aktion der Jugend der deutschen Minderheit. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dietmar Nietan postete ebenfalls aus Protest ein “Sprachlos-Foto”.

 

Die Stimme der Selbstverwaltungen

Auch der Schlesische Selbstverwaltungsverein hat seine Position zu Kürzungen beim Unterricht der Minderheitensprachen veröffentlicht. Dort lesen wir unter anderem: „Diese Änderung kann dazu führen, dass die Minderheitenbildung im Schulsystem erheblich eingeschränkt wird und folglich nicht mehr existiert. Die Auswirkungen können daher sehr weitreichend sein, denn systemische Bildung ist das wichtigste Element der Aktivitäten zur Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Identität von Minderheiten.“

Ein Beispiel für solche negativen Folgen kann die Gemeinde Reinschdorf sein. Der Gemeindevorsteher Tomasz Kandziora sagte in einem Interview für Wochenblatt TV: “Die Ausgaben für die Grundschulen in meiner Gemeinde betragen etwa 11 Mio. PLN. Die Subvention beträgt weniger als 9 Mio. und darin ist bereits die sog. Minderheitensubvention von weniger als 3 Mio. PLN enthalten. Man kann sich leicht ausrechnen, dass wir, wenn die Minderheitensubvention nicht im Haushalt verfügbar wäre, etwa 1/3 des Einkommens weniger hätten. Und nun stellt sich die Frage, ergänzen wir es mit unseren eigenen kommunalen Einnahmen, die Höhen und Tiefen durchmachen, oder entscheiden wir uns für eine Reform des Bildungssystems, die zu Kürzungen führen wird, sei es beim Personal oder beim Schulnetz.”

Aber nicht nur Kommunalverwaltungen aus ländlichen Gemeinden kritisieren die Entscheidung, die Subventionen für den Unterricht der Minderheitensprachen zu kürzen, auch in größeren Städten wird die Kürzung nicht verstanden. „Wir können in Oppelner Schulen bis zu 3,5 Millionen PLN verlieren. Dieser Betrag im Rahmen der Bildungssubvention war für das Erlernen der deutschen Sprache bestimmt. Ich verstehe nicht, warum Kinder aus Oppeln die Leidtragenden sein müssen. Ich weiß nicht, was gut daran ist, dass die Schüler keinen zusätzlichen Fremdsprachenunterricht haben. Das ist ein Beweis für das Versagen, nicht für die Fähigkeit, für die Rechte der Polen in Deutschland zu kämpfen“, sagte Arkadiusz Wiśniewski, Stadtpräsident von Oppeln diese Woche.

 

 

Petitionen

Auch die Wissenschaft und Wirtschaft sowie die Eltern selbst haben Petitionen zum Thema Deutsch als Minderheitensprache vorbereitet. Die der Eltern wurde bis Mittwoch (5. Januar 2022) von 2350 Personen unterschrieben und die Unterzeichner appellieren darin unter anderem: „Die Entscheidung, die Mittel für den Unterricht der Minderheitensprachen zu kürzen, trifft Kinder und Jugendliche aus der Minderheitsgesellschaft, deren Recht auf die  Pflege der eigenen Kultur und Sprache eingeschränkt wird. Heute machen wir uns Sorgen um die Zukunft unserer Kinder. Nehmen wir ihnen nicht die Chance auf eine umfassende Entwicklung im Einklang mit ihrer Identität! Wir sind nicht damit einverstanden, dass unsere Kinder und ihre Zukunft “Geiseln” der großen Politik und der deutsch-polnischen Beziehungen sein sollen. Wir appellieren an das Parlament der Republik Polen, an die Regierung der Republik Polen, von dieser Entscheidung zurückzutreten und die Bildung von Kindern, die polnische Staatsbürger verschiedener Nationalitäten und ethnischer Gruppen sind, weiter zu unterstützen“.

Und im Appell der Vertreter der Wissenschaft, der bis jetzt von fast 1000 Personen unterschrieben wurde, heißt es: „Wir sind besonders über den Mechanismus der Entscheidungsfindung im oben genannten Fall besorgt, der des Grundsatzes divide et impera entsprechend erfolgt, welcher rechtliche, politische und ethische Zweifel aufwirft und negative Stereotypen und nationale Vorurteile stärkt. Wir lehnen diskriminierende Maßnahmen ab, die darauf abzielen, die gesetzlichen Rechte nationaler und ethnischer Minderheiten und der Gemeinschaft, die die Regionalsprache (Kaschubisch) in Polen verwendet, zu instrumentalisieren und einzuschränken. Diese Handlungen zeugen unserer Meinung nach von der mangelnden Achtung der polnischen Regierung und der parlamentarischen Mehrheit auf die Grundsätze des demokratischen Dialogs und der Bürgerrechte, worauf alle Bürger der Republik Polen, einschließlich diejenigen, die den oben genannten Minderheiten angehören, Anspruch haben“.

Dagegen betonen die Wirtschaftskreise die negativen Auswirkungen von Subventionskürzungen auf die Entwicklung von Unternehmen: “Viele von uns, sowohl Vertreter von Familienunternehmen als auch von großen internationalen Konzernen, haben sich entschieden, die Unternehmen und ihr Kapital in Regionen anzusiedeln, in denen die  Mitarbeiter fließend Deutsch sprechen. Wir weisen darauf hin, dass unsere wichtigsten Partner Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum sind und unsere Exporte hauptsächlich dorthin gerichtet sind, wie beispielsweise statistische Daten, die die Bedeutung vor allem des deutschen Marktes nicht nur für unsere Unternehmen, sondern auch für die polnische Wirtschaft, belegen. (…) Maßnahmen zur Einschränkung des Deutschunterrichts haben weitreichende Folgen nicht nur für unsere Unternehmen, für die Wirtschaft einzelner Regionen, sondern auch für die Zukunft Polens“.

 

Alle Petitionen zum Nachlesen und Unterzeichnen finden Sie HIER.

 

Die Senatsausschüsse für Bildung sowie für Haushalt und öffentliche Finanzen haben am Mittwoch (5. Januar 2022) eine Änderung beschlossen, mit der die Finanzierung des Minderheitensprachenunterrichts wieder auf das ursprüngliche Niveau gebracht wird (Mehr dazu lesen sie hier). Der gesamte Senat soll nächste Woche abstimmen. „Ich hoffe, dass die Regierungskoalition irgendwann zu dem Schluss kommt, dass diese Entscheidung mehr Verluste als Vorteile bringt und sie sich davon zurückzieht. Wir können aber auch nicht ausschließen, dass die Kürzungen in Kraft bleiben. Dann stellt sich die Frage, wie der Unterricht von Minderheitensprachen an polnischen Schulen neu organisiert werden soll“, sagt Bernard Gaida, Vorsitzender des Verbandes deutscher Gesellschaften in Polen.

 

Rudolf Urban

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